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Ein Kapitel Jagdgeschichte des Altkreises Lingen

Das Jagdrecht war nicht immer wie heute an Grund und Boden gebunden, sondern ein Vorrecht des Landesherren. So war im Raum Emsbüren und Schepsdorf der Fürstbischof von Münster Jahrhunderte hindurch bis 1833 Landesherr und hatte hier das Recht für die „Hohe Jagd“.

Das Kirchspiel Schepsdorf sowie Emsbüren gehörten nicht zur Grafschaft Lingen, sondern zum Fürstbistum Münster. Der bekannte Heimatforscher L. Schriever berichtet aus der “Beschrivinge des Ampts unde Graveschap Lingen“ (1550), dass der jeweilige Schepsdorfer Pfarrer die Jagd- und Fischereirechte an der Ems bis nach Emsbüren besaß: „Dann gehört auch zu hiesige Pastorat die Fischerei auf der Emse und die freie Jagd und kann zwei Jagdhunde halten. Wann aber der Landesherr nach dem Hümmeling zu der Jagd gehet, so muß der Pastor zu Schepsdorff ad requisitionem die zwei Jagdhunde mit zur Jagd geben und wann der Fürstliche Amts-Fischer zu Bevergern und Rheine den Emsstrom visitiret, so muß der Pastor ihm geben eine Mahlzeit, vier Kanne Bier und ein orts rtlr. im Beutel.“ Ob der Emsbürener Pfarrer auch ein solches Recht und solche Pflichten hatte, ist nicht bekannt.

Nach einem „Schnaatjagd“- Protokoll von 1827 (Schnaat = Grenze) nahm ein solches Treiben des Fürstbischofs folgenden Verlauf: Von Venhaus aus ging es an der Aa entlang zur Kunkemühle durch die Hesselter Sandberge zur Helscherfähre. Man übernachtete bei Hettermann in Leschede. Am nächsten Tag ging die Jagd weiter über Bernte, „ wo man in des Kolon Gerdes Kamp einen Hasen schoß“ nach Elbergen. Jagdbeute waren dort ebenso ein Hase und in der „Slipse“ ein Huhn. Zwei Übernachtungen mit zwischenzeitlicher Jagd an der Ems entlang folgten in Schepsdorf. Über Rheitlage zog man weiter nach Schwartenpohl. Auch Lohner Gefilde wurden bejagt. Zurück führte der Weg dann über Bernte, Leschede, Ahlder Feld, Samerott und Steide wieder ins Westfälische.

Der Graf von Bentheim

Der Graf von Bentheim besaß im Emsbürener Raum ebenfalls Jagdrechte. Aus alten Urkunden ist zu ersehen, dass er 1718 mit seinem Gefolge, bestehend aus dem Grafen, dessen Jagdmeister, Jägern, Bauern, Hunden und Dienern am 1. September von Bentheim aufbrach und über Ohne, Kloster Bentlage nach Neuenkirchen gelangte. Im dortigen Kirchspiel frönte er am 2. und 3. September der Jagd. Über das „Deevisch Feld“ zog die Jagdgesellschaft zum Haus Stovern und durchstreifte von dort aus das ganze Kirchspiel Salzbergen. Nach einem Ruhetag folgten am 5.September Holsten, Bexten, Bütthoff, Neuhuesen, Ahlde, Kunkemühle und wieder Salzbergen. Dann ging es durch den Salzbergener und Mehringer Bruch nach Emsbüren. Nach Ruhetagen am 7. und 8. September mit der Feier von Mariä Geburt jagte der Graf am 9. September über die Ems auf die Aa zu und nahm dann, ohne Fährgeld zu zahlen, Kurs auf Schepsdorf. In Harms Behausung in Lohne wurde übernachtet. Stationen am 1o. September waren das „Lohner Holz, Herzefort, Elberger und Bernter Sand“. Am 11. September kehrte die Jagdgesellschaft schließlich über Schüttorf nach Bentheim zurück.

Über die jagdlichen Erfolge liegen leider keine Berichte vor. Doch ist bekannt, dass ein solch gräflicher Jagdzug die Bauern schwer belastete. Sie hatten „Leibdienste“zu verrichten. In Ahlde waren es Hohnenkamp, Budde, Koch und Hohmeyer, in Bernte Buxen und Gerdts. Zweimal im Jahr musste Grave in Listrup die Jagdgesellschaft bewirten. Das Brot für das Mahl hatte Bauer Wintering zu liefern.

1765 letzte Wolfsjagd

Im Jahre 1785 fand die letzte Wolfsjagd mit einem Heer von Treibern aus dem Münster- und Emsland sowie der Grafschaft Bentheim statt. Die Jäger zogen anschließend von Haus zu Haus, zeigten ihre Beute und kassierten von den ihrer Sorgen ledigen Bauern und Bürgern ein Trinkgeld.
Auch gab es schon früh Fuchsjagden mit Treibern. Stets waren die Bauern dienende Glieder, niemals aber selbst Jäger, so dass sie die herrschaftliche Jagd als große Last empfanden. Die alten Jagdgerechtsame blieben bis 1848 bestehen. Für die Bauern von großer Bedeutung war das Hannoversche Jagdgesetz vom 29. Juni 185o.Es hob das Recht zur Bejagung fremden Bodens auf. Zugleich bestand jedoch die Verpflichtung, an die alten Berechtigten eine Vergütung zu zahlen. Für die „Ablösung“ brachte die Niedergrafschaft Lingen mit Emsbüren in den folgenden Jahren die stattliche Summe von 4922 Reichstalern auf. Die Bauern konnten nun selbst über die jagdliche Nutzung ihres Grund und Bodens verfügen. Eigenjagdbezirke entstanden, wenn mindestens 3oo Morgen zusammenhängender Fläche Feld oder Wald in einer Hand waren. Die übrigen Areale wurden zu sogenannten Feldmarks- oder Gemeindejagden vereinigt.

Die Strecken früherer Jahre

Ein Überläufer aus dem Bentheimer Wald - erlegt im Steider Samerott am 5. Oktober 1924Von dem so häufig gepriesenen Wildreichtum früherer Jahre kann durchweg nicht die Rede sein. Große Niederwildstrecken, wie wir sie heute kennen, gab es nicht (ausgenommen Kaninchen). Eine Heranziehung von Jagdstrecken von vor über hundert Jahren, soweit sie vorliegen, kann das eindeutig belegen. Rot- und Schwarzwild gab es nur vereinzelt. Es dürfte sich zumeist um „Überläufer“ aus dem Bentheimer Wald gehandelt haben. Birkwild war bis 18oo wohl überall vertreten. Aus ungeklärten Gründen gingen die Bestände aber zurück, und um 186o war Birkwild kaum noch anzutreffen. Es erholte sich jedoch zehn Jahre später in einem ungeahnten Ausmaß und erreichte um die Jahrhundertwende seinen stärksten Bestand. Doch dann sank die Zahl stetig. Die letzten Vertreter ihrer Art wurden 1960 im Bernter bzw. Elberger Feld beobachtet. Selten war in den hiesigen Revieren auch das Rehwild. Nach Aufzeichnungen des Forstamtes Lingen waren von 1820 bis 1863 Rehe nicht vorhanden. Doch zeigte sich „ Mitte Sommer 1863 ein Rehbock im Biener Begange und folgte im selben Jahr auch eine Ricke, die bei gänzlicher Schonung sich zu einem Bestand von so p. 3o Stück vermehrt haben, so daß jetzt (1879) schon jährlich zwei bis drei Böcke abgeschossen werden können“. Mit der Ausweitung des Waldes als Folge der Markenteilung gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Rehwild heimisch und vermehrte sich beträchtlich.

Jagdgesellschaft Emsbüren um 1920Eine verbreitete Wildart waren zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Hasen. So berichtet der "Lingener Volksbote" am 9. Januar 1926: "In Listrup sind an zwei Tagen 104 Hasen geschossen und dabei wurde höchstens die Hälfte bejagt. Sachverständige behaupten, ein doppeltes Quantum könne noch ruhig abgeschossen werden, dann wären noch genügend da. In Leschede wurden in der letzten Jagdperiode etwa 150 Hasen geschossen, in Bernte ebenfalls dieselben Resultate. Es mag noch besonders erwähnt werden, dass am letzten Samstag in Bernte allein 79 Hasen zur Strecke gebracht wurden. Die übrigen Gemeinden wie Ahlde, Mehringen und Berge zeigen ähnliche Resultate."

Auch an Kaninchen fehlte es nicht; von unglaublichen Strecken wird berichtet. Vor allem dürfte die Aufforstung, insbesondere aber die Absenkung des Grundwasserspiegels ihre Ausbreitung begünstigt haben. Im Grafschafter Raum wurden schon im 18. Jahrhundert Klagen über Schäden durch Kaninchen laut. So schreibt der aus Lingen stammende und viel herumgekommene Förster Otto Koke in seinem bekannten Buch „Das Jahr des Jägers“ (1956): „Die meisten Kaninchen, die ich je im Leben sah, gab es in bestimmten Gebieten des einstigen Gutes Klausheide bei Lingen-Ems. Ich glaube, daß die Jagdgesellschaft mit Kaplan Tegeder - Lengerich um 1900Hauptkaninchenvorkommen an der Straße von Lingen nach Nordhorn lagen. Hier habe ich als Schüler gern verweilt und dem Treiben zugesehen, das schon weit vor Sonnenaufgang begann. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß Hunderte von Kaninchen dort am Rande der Schonung hockten, hoppelten oder Kegel machten. Die Gutsverwaltung ließ sich den Spaß etwas kosten, denn ich kann mich nicht besinnen, daß zu meiner Schülerzeit das Gelände jemals anders ausgesehen hätte, als ein typisches Kaninchengelände eben aussieht. Hier und da ein paar armselige Kiefern, die den Zähnen der Laputze entronnen waren, ein paar kleine Blätter Zwergsauerampfer und Losung über Losung; dazwischen helle Sandspritzer, wenn der eine oder andere der Nager mal aus lauter Langeweile ein wenig im Boden herumkratzte, denn die eigentlichen Baue lagen weit ab von dem Weideplatz der Kaninchen. Ob heute dieser Kaninchensegen noch so groß ist, weiß ich nicht. Die Mitschüler auf dem Gymnasium Georgianum in Lingen, deren Väter Förster oder Jäger waren, wußten von unglaublichen Strecken zu berichten, die in wenigen Treibjagden erzielt wurden. Die Tausende von Kaninchen großen Bestände wurden im Winter in wenigen Tagen auf Hunderte zusammengeschossen und vermehrten sich dann wieder bis zur nächsten Jagdsaison ins Unermeßliche“.

Fasanen kamen bis 1870 wohl nur in herrschaftlichen Gehegen vor. Gelegentlich wurden sie auch in anderen Jagden ausgesetzt. Erst Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden sie häufiger angetroffen, und danach gab es beständig steigende gute Strecken.

Entenfang in einer Entenkoje im Kreis Lingen um 1917Rebhühner waren im hiesigen Raum nach alten Berichten schon immer heimisch. Hier dürfte die Intensivierung der Landwirtschaft vor allem zum Rückgang beigetragen haben. Enten werden in alten Jagdberichten erwähnt, doch waren sie offensichtlich als Standwild nicht so stark vertreten, wie man aufgrund der großen Feuchtgebiete und unberührten Gewässer vermuten könnte. Allerdings war der Entenfang in Wettrup, Spelle, Schapen und Salzbergen, vor allem aber in Bawinkel weit verbreitet. In der schon erwähnten „Beschrivinge“ der Grafschaft Lingen vom Jahre 155o werden die Einwohner Bawinkels „fogelfänger“ genannt, was wohl auf den Entenfang im "Ochsenbruch" hinweisen dürfte. Die Wildenten fing man in sogenannten „Entenkojen“ oder „Glupen“. Eine solche „Glupe“ bestand aus einer länglichen wassergefüllten Grube von etwa 15 Metern Länge und drei Metern Breite. An beiden Seiten standen Weiden, die über der Grube laubenartig zusammengeflochten waren. Der Eingang der „Glupe“ war frei, der Ausgang aber durch ein grobmaschiges Netz versperrt. Zu einer solchen „Glupe“ gehörten 40- 60 Enten, die von klein an in der Glupe aufgewachsen waren und tagsüber zum Bruche flogen. Zu diesen „Glupenten“ gesellten sich die auf den weiten Flächen weidenden Wildenten, die dann zur abendlichen Fütterung mit zur „Glupe“ flogen. Wenn sich alle darin niedergelassen hatten, trat der Glupenbesitzer aus seinem Versteck und versperrte den Eingang. Die wilden Enten flogen erschreckt auf die andere Seite zu, prallten aber am gespannten Netz zurück und suchten Unterschlupf in einer Vorrichtung, in die sie wohl hinein-, aber nicht wieder herauskommen konnten. Auf solche Weise wurde ab Anfang Oktober eine große Anzahl von Wildenten, vor allem nordische Zugenten, eingefangen.

Laxtener Jäger um die JahrhundertwendeNach dem ersten Weltkrieg war es um die Jagd nicht gerade gut bestellt: Es gab viele Jäger und wenig Wild. Zahlreiche Gemeinden verpachteten Mitte der zwanziger Jahre die Jagd für ansehnliche Beträge an Fremde. So wurde in Listrup z.B. 1926 die Jagd verpachtet und das Jagdgeld für die Kosten der Elektrifizierung des Ortes verwendet. Eine umgekehrte Entwicklung setzte in den dreißiger Jahren ein. Etliche Jagden kamen wieder in einheimische Hände. Einen Tiefstand im Jagdwesen gab es nach dem zweiten Weltkrieg während der Besatzungsjahre. Von „Raubwildbekämpfung“ und geordneter Ausübung der Jagd konnte nicht die Rede sein, da nach dem Kriege keine Waffen im Besitz der Jäger sein durften. Die Jagd stand zu dieser Zeit unter der Aufsicht der alliierten Besatzungsmacht der Engländer. Sollte eine Jagd durchgeführt werden, musste diese schriftlich bei der englischen Militärbehörde angemeldet werden. Namentlich waren die Personen anzugeben, die an der Jagd teilnahmen. Wurde diese Jagd dann genehmigt, so wurde von der englischen Militärbehörde eine Person eingesetzt, die die Gewehre mitbrachte und am Abend wieder mit zurücknahm.

Eine Wende setzte mit dem Bundesjagdgesetz 1952 ein. Gute Hege brachte reiche Früchte. Nicht zuletzt dürfte die bis heute geltende und sich bewährt habende Identität von Grundeigentum und Jagdausübung dazu beigetragen haben.

Literaturnachweis:

1. Ludwig Schriever, Geschichte des Kreises Lingen, Bd. I und II, Osnabrück 1910
2. "Lingener Volksbote", Ausgabe vom 9. Januar 1926
3. „Lingener Tagespost” vom 27. Dezember 1986
4. Unsere Heimat, Der Kreis Lingen, Lesebogen für die Schulen des Kreises Lingen, Lingen 1951
5. H. Pohlendt, Der Landkreis Lingen, Lingen 1953
6. 1100 Jahre Listrup, Ein Dorf an der Ems 890-1990, hrsg. von Hans-Peter Tewes, Werlte 1990
7. Otto Koke, Das Jahr des Jägers, Sponholtz Verlag Hannover 1956